"Das größte Massaker seit Ende des 2. Weltkrieges" - der Massenmord an über 8.000 Menschen und Flüchtlingen aus Srebrenica steht 2010 fast allein für den Völkermord in Bosnien. Falsch: bis zu diesem 11. Juli 1995 waren schon über 100.000 Kleinkinder, Mütter, Väter, Junge, Alte, Opfer von Massenmord, Vergewaltigung, und Vertreibung, Opfer eines Völkermordes geworden. Dabei sollte dies in Europa "nie wieder" geschehen - so die Lehre aus dem 2. Weltkrieg.
Ja, seit 1945 bis heute gibt es viele, schlimme Kriege und Kriegsverbrechen. Aber hatten wir nicht 1990, vor 20 Jahren das Ende des Kalten Krieges gefeiert, die Deutsche Einheit erlebt und die endgültige Verbannung des Kriegstraumas zumindest aus Europa erwartet? Und dann das: ein einziger, skrupelloser und propagandistisch cleverer Diktator, Chef der kommunistischen Partei Serbiens, Milosevic, verbündete sich mit serbischem Nationalismus und führte sein Land in die Kriege für Groß-Serbien. Wir im Westen waren entsetzt und konnten es nicht verstehen. "Wir waren doch da im Urlaub!", "Warum verstehen die sich nicht mehr?" - fragte das entsetzte Publikum angesichts täglich schlimmerer Bilder von Krieg und Vertreibung. Die Politik gab sich hilflos - nur wenige haben damals konsequent gefordert, den Bosniern beizuspringen, um das Morden zu beenden.
Die Regierung Kohl hatte mit der erfolgreichen Forderung nach Anerkennung von Kroatien und Slowenien durch die EU diese Länder vor einem Schicksal wie dem Bosniens bewahrt und konnte den Krieg in Kroatien beenden helfen. Dass Bosnien danach nicht geschützt wurde, es außer Reden und Verhandeln keine Verteidigung der vor unseren Augen abgeschlachteten Opfer gab, das wird auf ewig ein Makel von EU und UNO bleiben.
Die Logik der Täter lautet: es finden sich Komplizen gegen eine Rettung der Opfer. Russland, Zimbabwe und China hießen sie damals, unterstützt durch britische und französische Diplomatie. Der Skandal der EU bleibt, dass es EU-Mitglieder waren, die Milosevic, dem Kriegstreiber und Völkermörder, oft den Rücken frei gehalten haben. Die beiden EU-Partner taten es damals aus Nationalismus - sie wollten den traditionellen Partner Serbien nicht schwächen - und sie waren im Irrglauben, dass Deutschland zu stark werden wolle, auch auf dem Balkan. Welch ein tragischer, welch ein tödlicher Nationalismus zivilisierter Völker, und welch ein Preis für die Opfer!
Bis heute leiden die Familien der Ermordeten, die Vertriebenen, und leidet Bosnien noch immer - nicht nur am Jahrestag von Srebrenica, und nicht nur dort. Wann übernehmen die UN und die EU die Verantwortung? Wer verlangt wann von Serbien konkrete Taten der Aussöhnung über Symbolik hinaus, und das Bekämpfen des radikalen Nationalismus, der in Europa nichts mehr zu suchen? Die Lehren aus Srebrenica, das ist nicht die Erinnerung. Die Lehre aus dem Völkermord ist aktive Buße für die einen, und konsequente Hilfe für die Opfer - auch durch die EU.
Michael Brand hatte nach Ende des Bosnien-Krieges als einer der ersten Ausländer ein Jahr in Sarajevo studiert. Heute ist er Abgeordneter und Mitglied der Deutsch-Bosnischen Parlamentariergruppe im Deutschen Bundestag.